18 Mai 26 Verabschiedung von Alexandra Grochowski
Im Foyercafé des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz verabschiedete der Meetingpoint Memory Messiaen e.V. gemeinsam mit zahlreichen Gästen seine langjährige Geschäftsleiterin Alexandra Grochowski.
An der Verabschiedung nahmen unter anderem der Bürgermeister der Stadt Zgorzelec, Rafał Gronicz, sowie Görlitz’ Bürgermeister Benedikt M. Hummel teil. Gemeinsam mit Weggefährtinnen und Weggefährten aus Kultur, Bildung, Verwaltung und Zivilgesellschaft wurde eine Persönlichkeit gewürdigt, die die deutsch-polnische Zusammenarbeit in der Europastadt Görlitz/Zgorzelec über viele Jahre hinweg engagiert mitgestaltet hat.
Nach insgesamt 13 Jahren beim Meetingpoint wird sich Alexandra Grochowski künftig neuen beruflichen und akademischen Herausforderungen widmen. Während ihrer Tätigkeit prägte sie die Entwicklung des Vereins in besonderer Weise. Mit großem Einsatz begleitete sie zahlreiche Projekte der historisch-politischen Bildung, der Erinnerungskultur sowie des internationalen Jugendaustauschs. Dabei setzte sie wichtige Impulse für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und für die Weiterentwicklung des Vereins.
Besonders hervorgehoben wurden während der Verabschiedung ihr außergewöhnliches Engagement, ihre Beharrlichkeit und ihre Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen und für gemeinsame Ziele zu begeistern. Mit ihrer Arbeit hat sie die Erinnerungskultur in Görlitz und die deutsch-polnische Zusammenarbeit nachhaltig geprägt.
Der Meetingpoint Memory Messiaen e.V. bedankt sich herzlich bei Alexandra Grochowski für die gemeinsame Zeit, ihre Ideen, ihre Arbeit und ihren langjährigen Einsatz für den Verein und die Europastadt Görlitz/Zgorzelec.
Wir wünschen ihr für ihren weiteren Weg viel Erfolg, spannende neue Herausforderungen und persönlich alles Gute.
Rede von Alexandra Grochowski:
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Gronicz, sehr geehrter Herr Bürgermeister Hummel, sehr geehrte Frau Seiffert, sehr geehrte Partner der Stiftung Erinnerung, Bildung Kultur, sehr geehrter Vorstand und Mitglieder des MMM, sehr geehrte Gäste, liebes Team,
ich freue mich sehr, dass Sie der Einladung des Vorstandes gefolgt sind und dass ich mich heute direkt bei Ihnen für die langjährige und sehr gute sowie fruchtbare Zusammenarbeit bedanken kann.
An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich besonders beim Vorstand des Meetingpoint für die langjährige und vertrauensvolle Zusammenarbeit bedanken.
In den letzten Monaten schaue ich intensiv zurück auf meine Arbeit der vergangenen 13 Jahre für den Meetingpoint Memory Messiaen und die Stiftung Erinnerung, Bildung, Kultur, in der ich viele Jahre Stiftungsratsmitglied sein durfte. — und dieser Blick zurück macht mir einmal mehr bewusst, wie viel wir gemeinsam aufgebaut und erreicht haben.

Denn, eine solch enge Zusammenarbeit im Bereich der Erinnerungskultur zwischen Polen und Deutschen an einem Ort des deutschen Verbrechens, dem Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A Görlitz, das seit 1945 auf polnischem Gebiet liegt, ist eine ganz besondere und nicht immer einfach.
Durch unsere Lage in der Grenzregion und durch den Europastadtgedanken ist es jedoch tatsächlich Anfang der 2000er Jahre zu einer deutsch-polnischen Kooperation in Bezug auf die Aufarbeitung der Lagergeschichte und ihrer Opfer sowie zu bilateraler Erinnerungsarbeit als Vermittlungsform eines demokratiebildenden Auftrages gekommen.
Im Rahmen eines zweiten Masterstudiums an der Universität Bonn in Politisch-historischen Studien habe ich unsere deutsch-polnische Zusammenarbeit im Kontext dieses schwierigen Erbes des Lagers und seiner Folgen kürzlich analysiert.
Zum einen habe ich die Entstehungsgeschichte der Gedenkstätte und der Zusammenarbeit selbst dargestellt. Diese zeigt, dass der Beginn der polnisch-deutschen Zusammenarbeit bottom-up von lokalen Akteuren beiderseits der Neiße von einem Versöhnungsgedanken und einer gewissen EU-Euphorie getragen war. Gemeinsam schaffte man es bis nach Brüssel und das Vorhaben materialisierte sich in Form des 2015 eröffneten Zentrums auf dem Stalag-Gelände. Dieser Zeitpunkt bildet eine gewisse Zäsur der Zusammenarbeit. Denn aus einer Idee, einem Bauvorhaben wurde eine alltägliche Kooperation vor Ort.
In meiner dreiteiligen Studie, bestehend aus Analyse der Darstellung der Zusammenarbeit vor Ort, einer Analyse von Expertenperspektiven und einer Besucherbefragung zeigt sich ganz deutlich, dass die deutsch-polnische Zusammenarbeit hier vor Ort die Reibungspunkte polnischer und deutscher Beziehungen aber vor allem die Reibungspunkte der polnischen und deutschen Geschichtspolitik und Erinnerungskultur beider Länder wie ein Brennglas in der direkten Zusammenarbeit abbildet.
Sie zeigt außerdem, dass unsere Zusammenarbeit von einem andauernden Lernprozess und diversen Aushandlungsprozessen geprägt ist, denn beide Einheiten verfolgen einen unterschiedlichen, von ihrer jeweiligen Erinnerungskultur geprägten Erinnerungs- und Vermittlungsansatz. Diese divergierenden Herangehensweisen ergänzen sich häufig und prallen trotzdem auch zu Teilen frontal aufeinander.
Die Studie zeigt aber vor allem eine immense Diskrepanz zwischen der Besucheransicht und der inneren Expertenansicht. Die Besucherinnen und Besucher, ob Polen oder Deutsche oder anderer Nationalität sind zu über 80% derselben Meinung, dass die deutsch-polnische Zusammenarbeit eine absolute Notwendigkeit für das Fortbestehen der Gedenkstätte ist und dass, das vielschichtige und multilinguale sowie grenzüberschreitende Angebot der Gedenkstätte der Schlüssel zur gemeinsamen Aufarbeitung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges zwischen Polen und Deutschen ist und damit auch zur Identitätsbildung unserer Region beiträgt.
Ich denke, dass die Ergebnisse der Studie ein Anstoß sein können für die weitere Zusammenarbeit zwischen dem Meetingpoint und der Stiftung.
Gerade hier, in der Europastadt Görlitz Zgorzelec haben wir die Chance in diesen schwierigen aber spannenden Diskurs einzutreten und quasi in Echtzeit die deutsch-polnischen Beziehungen multiperspektivisch zu reflektieren.
Etwaige schwierige Aushandlungsprozesse in der direkten Zusammenarbeit sollten daher transparent gemacht werden, die Partner könnten dadurch auch nach außen hin zu einer Art Think-Tank, der deutsch-polnischen Beziehungen im Grenzraum werden, der genau diese überaus komplizierte und schwierige Kontaktzone zwischen den beiden Ländern im Bereich der Erinnerungskultur und Geschichtspolitik thematisiert und zeigt, wie diese im Alltag hier im Grenzraum und in der alltäglichen Zusammenarbeit debattiert und gelebt wird.
Und das sollten wir gemeinsam mit jungen Menschen tun — so, wie es der Meetingpoint seit seiner Gründung durch Herrn Albrecht Götze immer versucht hat: Räume der Begegnung zu schaffen und durch Erinnerung, Bildung und Kultur Empowerment in jungen Menschen zu installieren. Das habe ich auch immer als meine Hauptaufgabe gesehen — diesen Impuls zu geben: in jeder Führung, jedem Workshop, jedem Konzert, jedem internationalen Begegnungsprojekt und in der Arbeit mit den wunderbaren Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich das Glück hatte zusammenzuarbeiten.
Dabei kommen mir unweigerlich die Worte einer italienischen Teilnehmerin unseres Workcamps aus dem Jahr 2013 in den Sinn. Nachdem sie unter anderem den Friedhof hinter dem Stalag VIII A gepflegt hatte — den Ort, an dem im Massengrab verscharrte Rotarmisten liegen,— sagte sie bei der Abschlussveranstaltung, sie verstehe jetzt erst das Gedicht, das ihr Großvater ihr immer ans Herz gelegt hatte:
Si sta come
d’autunno
sugli alberi
le foglie.
Wir sind wie die Blätter an den Bäumen im Herbst.
Giuseppe Ungaretti, Soldati
Bosco di Courton, luglio 1918
Diese Worte haben mich durch all die Jahre begleitet — und sie erinnern mich daran, warum diese Arbeit so wichtig ist und weitergehen muss. Ich bin dankbar für alles, was wir gemeinsam bewegt haben, und ich bin überzeugt: Was wir hier aufgebaut haben, das trägt.
Vielen Dank.









