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75. Jahrestag des Warschauer Aufstandes

75. Jahrestag des Warschauer Aufstandes

Kinga Hartmann-Wóycicka, Zgorzelec, den 01.08.2019

Ich stehe hier heute in einer Doppelrolle vor Ihnen. Als Wächterin des Gedenkens an die Kriegsgefangenen des Stalag VIII A und als Kind der Stadt Warschau mit der ich familiär und emotional verbunden bin.
Der Warschauer Aufstand, der am 1. August begann, sollte eigentlich nur wenige Tage dauern. Schlussendlich dauerte er 63 Tage und endete mit der Unterzeichnung der Kapitulation durch den Oberbefehlshaber der polnischen Heimatarmee „Armia Krajowa“ General Bór-Komorowski in der Nacht vom zweiten auf den dritten Oktober 1944. Der Aufstand endete mit dem Tod von 18.000 Soldaten der Armia Krajowa, die bei den Kämpfen gefallen waren sowie mit dem Tod von 200.000 Zivilopfern und mit der Vertreibung von mehreren Tausend Bewohnern der Hauptstadt Polens, die zielgerichtet und systematisch zerstört wurde.
Historiker sind sich seit Jahren uneinig, ob der Aufstand nötig gewesen ist. Dazu gibt es diverse Interpretationen; unzählige Bücher und Artikel sind erschienen. Eines ist aber sicher: Die aufständische Erhebung der Menschen war ein klares Zeichen des Protests gegen den Albtraum der mehrjährigen Okkupation, gegen den Raub der Würde des Volkes und dessen voranschreitende Auslöschung. Der Aufstand war außerdem ein Versuch die Stadt vor dem Eintreffen der Roten Armee zurückzugewinnen, deren erste Truppen sich Prag auf der rechten Seite der Weichsel näherten.
Die AK-Jugend, die über Jahre hinweg in geheimen Kursen der Armee geschult wurde, glaubte an den Sieg und sehnte den Kampf herbei. Der Feind war jedoch viel stärker und trotz der Willenskraft und beispiellosen Tapferkeit der Aufständischen, kam es bereits nach einigen Stunden nach Ausbruch zur Eindämmung des Aufstandes und zur Abschottung einzelner Stadtteile.
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Das tragischste Kapitel im Verlauf des Warschauer Aufstands waren jedoch die Verbrechen an der Zivilbevölkerung des Stadtteils Wola, später Massaker von Wola genannt.
Bereits seit den ersten Stunden des Aufstands wurden von den deutschen Truppen zahlreiche Kriegsverbrechen begangen – gefangene Aufständische wurden erschossen, Verwundete getötet, es kam auch zu Mordtaten an Zivilisten. Dem Wunsch Hitlers folgend hatte Heinrich Himmler den Befehlshabern die Anweisung gegeben, alle Einwohner der Stadt, darunter auch Frauen und Kinder, zu töten und die Stadt selbst dem Erdboden gleichzumachen. Die Niederschlagung des Warschauer Aufstands sollte ein abschreckendes Beispiel für ganz Europa sein.
In den folgenden Tagen trat auf Befehl von Himmler die von SS-General Heinz Reinefarth befehligte „Kampfgruppe Reinefarth“, die im Wesentlichen aus SS-Einheiten, darunter die berüchtigte SS-Sondereinheit unter Oskar Dirlewanger, und der aus Posen hinzugezogenen Ordnungspolizei bestand, zum Sturm auf die von der polnischen Heimatarmee besetzten Stellungen im Stadtteil Wola an.
In den teilweise eroberten Straßenvierteln wurden beispiellose Gräueltaten an der Zivilbevölkerung begangen, ganze Familien wurden sofort exekutiert. Die aus ihren Häusern getriebenen Menschen wurden an Ort und Stelle, auf den Innenhöfen, auf den Straßen, in den Kirchen, erschossen. In die Keller, wohin sich mehrere zu verstecken suchten, wurden Granaten geworfen. Die Fliehenden fielen durch die Salven der Maschinenpistolen. Kaum vorstellbare Szenen spielten sich in zwei in Wola gelegenen Krankenhäusern in der Płocka- und Działdowska-Straße ab, wo die Kranken und das Pflegepersonal ermordet wurden. Heinz Reinefarth beschwerte sich bei seinem Vorgesetzten, dass die ihm zugeteilte Munition nicht ausreiche, um alle gefangenen Polen zu erschießen.
Zwischen dem 5. und 7. August 1944 wurden etwa 30 000 Bewohner von Wola ermordet. Nachdem Erich von dem Bach-Zelewski den Oberbefehl zur Niederschlagung des Aufstands bekommen hatte, stellte er die Exekutionen der Frauen und Kinder vor Ort ein und schickte sie in das Lager in Pruszków. In diesen Kolonnen ging auch meine Mutter mit ihren Schwestern. Die männlichen Zivilisten wurden weiterhin an Ort und Stelle gnadenlos hingerichtet. Bis zum 12. August verloren nach Schätzungen 50 000 60 000 Einwohner Wolas ihr Leben. Die Morde in Wola sollten den Kampfwillen der Aufständischen und den Geist des Widerstands der Zivilbevölkerung brechen. Dadurch hoffte man, den deutschen Einheiten die Verluste im Häuserkampf zu ersparen. Die Anwendung der Terrormaßnahmen erfüllte die Erwartungen der deutschen Führung jedoch nicht, im Gegenteil: In dieser hoffnungslosen Situation wurde der Kampf- und Vergeltungswille unter den Aufständischen und der Stadtbevölkerung nur gestärkt.
Man nimmt an, dass das Wola-Massaker, gemessen an den Opferzahlen, das größte Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg auf europäischem Boden war, das an nichtjüdischer Zivilbevölkerung begangen wurde.
Für ihre „Verdienste” erhielten die Henker von Wola, Heinz Reinefarth und Oskar Dirlewanger, bereits am 30. September 1944 hohe militärische Auszeichnungen. Nach dem Krieg wurden weder Reinefarth noch Bach-Zelewski für ihre Beteiligung am Wola-Massaker zur Verantwortung gezogen und bestraft. Reinefarth, dessen Auslieferung nach Polen wegen der negativen Entscheidung der amerikanischen Besatzungsbehörde nicht stattgefunden hatte, machte nach dem Krieg politische Karriere in der Bundesrepublik. Er war von 1951 bis 1967 Bürgermeister von Westerland auf Sylt und später Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein. Danach arbeitete er als Rechtsanwalt. Die gegen ihn 1961 eingeleiteten Ermittlungen wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen in Warschau wurden nach einigen Jahren eingestellt.
Zum 70. Jahrestag des Warschauer Aufstands nahmen die Vertreter der Stadtbehörde von Westerlamd auf Sylt an einer Gedenkfeier für die Opfer des Massakers in Wola teil.
– Ich bitte die Polen um Verzeihung für das Leid, dass ihnen durch den „Henker von Wola“, General Reinefarth, und andere Nazi-Verbrecher zugefügt wurde – sagte Petra Reiber, Bürgermeisterin von Westerland.
Wir können das begangene Unrecht an der polnischen Bevölkerung nicht wiedergutmachen. Wir können aber die Schuld unserer Vorfahren bekennen und verstorbene sowie lebende Opfer, auch ihre Familien und Freunde, um Vergebung bitten.

Solche Veranstaltungen wie heute sollten dazu dienen, allen Opfern dieser tragischen Ereignisse zu gedenken: den Soldaten der AK und den zivilen Opfern, die damals ihr Leben verloren haben oder in Lager transportiert wurden. In das Görlitzer Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A, welches sich heute in Zgorzelec befindet, wurde ebenfalls eine Gruppe von etwa 70 AK-Soldaten gebracht. Eine weitere Gruppe, in der sich unter anderem auch die Eltern meines Ehemannes und deren Freunde aus verschiedenen Einheiten des Aufstandes befanden, wurde nach Zeithain in Sachsen, unweit von Leipzig verbracht.
Das Europäische Zentrum Erinnerung, Bildung, Kultur arbeitet mit dem Museum in Zeithain zusammen.
Zusammenfassend möchte ich an Sie alle appellieren: Lassen Sie uns allen Opfern gedenken und alles dafür tun, sodass der Wahnsinn des Krieges und des Hasses nie mehr vom Verstand ganzer Völker Besitz ergreifen kann.

Fotos: Jakub Sochoń