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Stalag VIII A

Das Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A Görlitz – ein Überblick

Von rund 110 Mio. Soldaten, die weltweit im vom Deutschen Reich begonnen Zweiten Weltkrieg gegeneinander kämpften, gerieten etwa 35 Mio. in Gefangenschaft, wovon etwa 5 Millionen die Gefangenschaft nicht überlebten: Kriegsgefangenschaft ist ein massiver Aspekt der Gewaltgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Und er betrifft auch die Stadt Görlitz. Hier, im damaligen Stadtteil Ost/ Moys (heute: Zgorzelec-Ujazd), bestand von 1939 bis 1945 das von der deutschen Wehrmacht betriebene Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A. Dieses durchliefen im Laufe seines Bestehens schätzungsweise 100.000 bis 120.000 Soldaten verschiedener gegnerischer Armeen, von denen etwa 10.000 bis 15.000 von ihnen die Haft nicht überlebten.

Von der Durchgangsstation zum Stammlager

Die Geschichte des Stalag VIII A begann bereits im Spätsommer 1939 mit der Einrichtung eines Durchgangslagers (Dulag) an der Laubaner Straße (heute: ul. Lubańska) in Görlitz-Ost. Nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 trafen hier die ersten polnischen Kriegsgefangenen ein. Zeitzeugenberichte schildern ihre Ankunft als von Gewalt, Hunger und Demütigung geprägt. Beim Marsch durch die Stadt wurden Gefangene von Teilen der deutschen Zivilbevölkerung beschimpft und beworfen – ein frühes Zeichen dafür, wie stark nationalsozialistische Propaganda und Entmenschlichung wirkten. Die Lebensbedingungen im Dulag waren katastrophal: Tausende Gefangene lebten in provisorischen Zelten, litten unter Kälte, mangelhafter Versorgung und wurden früh zu schwerer Arbeit herangezogen. Zugleich präsentierte die NS-Presse das Lager propagandistisch als Ort guter Behandlung – ein scharfer Kontrast zur Realität.

Das Görlitzer Dulag  1939, zu sehen die Görlitzer Umgebungsgesellschaft in entspannt-interessierter Haltung, Ratsarchiv Görlitz.

Ab Ende 1939 entstand im südlichen Stadtteil Moys das eigentliche Stammlager Stalag VIII A. Ironischerweise mussten es die polnischen Gefangenen selbst errichten – unter härtesten Bedingungen. Ende 1939 nahm das Lager schrittweise den Betrieb auf und blieb bis Mai 1945 und die Befreiung durch die Rote Armee bestehen.

Lagerstruktur, Gefangenengruppen und Verhältnisse

Das Lager umfasste etwa 30 Hektar und bestand aus rund 60 Baracken: Neben den Wohnbaracken, Küchen, Kranken- und Strafbaracken, Werkstätten, eine Kantine sowie Einrichtungen für kulturelle und religiöse Aktivitäten. Bewacht wurde das Lager von Wachmannschaften der Wehrmacht.

Struktur des Lagers, Meetingpoint Memory Messiaen.

Das Stalag VIII A war ein multinationaler Haftort. Zunächst für belgische Kriegsgefangene vorgesehen, beherbergte es im Verlauf des Krieges Soldaten aus zahlreichen Ländern: Polen, Franzosen, Belgier, Briten, Jugoslawen, Slowaken, Amerikaner und ab 1943 auch italienische Soldaten, die nach dem Sturz des Verbündeten Hitlers, Mussolini, hier als sog. „Italienische Militärinternierte“ (IMI) bezeichnet wurden. Ab 1942 trafen in großer Zahl sowjetische Kriegsgefangene ein, die bald die größte Gruppe im Lager stellen sollten.

Theoretisch regelte die Genfer Konvention von 1929 die Behandlung von Kriegsgefangenen – das Deutsche Reich hatte sie ratifiziert. In der Praxis wurde sie jedoch im Falle der westlichen Gefangenen nur selektiv, im Falle der sowjetischen und italienischen gar nicht angewendet. Überbelegung, unzureichende Heizung, mangelhafte Hygiene und Krankheiten prägten den Alltag. Krankheiten wie Typhus und andere Seuchen waren allgegenwärtig. Die Ernährung war knapp und von schlechter Qualität, insbesondere für nichtwestliche Gefangene.

Humoristische Karikatur aus „Interlude“, einem von ehemaligen britischen Gefangenen nach dem Krieg veröffentlichten Erinnerungsbuch, Interlude.

 

 

 

The Story of British Prisoners of War in Stammlager VlllA at Gorlitz in Lower Silesia, Germany, London 1945. S. 43.

Zwangsarbeit als Kern des Systems

Ein zentraler Zweck der Kriegsgefangenschaft war der Arbeitseinsatz für das kriegsführende und unter Arbeitskräftemangel leidende Deutsche Reich. Etwa 80 Prozent der im Stalag VIII A registrierten Gefangenen arbeiteten in Außenkommandos, verteilt über ganz Schlesien. Sie wurden in Landwirtschaft, Industrie, Bergbau, Handwerk und – entgegen den Bestimmungen der Genfer Konvention – auch in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Görlitzer Betriebe wie das für die Rüstungsindustrie bedeutsame Maschinenbauunternehmen WUMAG oder kleinere Handwerksfirmen profitierten von dieser Arbeitskraft.

Die Arbeitsbedingungen variierten stark. Manche Gefangene arbeiteten in ihrem erlernten Beruf und hatten vergleichsweise bessere Lebensbedingungen, andere verrichteten extrem schwere körperliche Arbeit. Entlohnt wurde in sogenanntem Lagergeld, das die Bewegungs- und Handlungsmöglichkeiten der Gefangenen zusätzlich einschränkte.

Ungleichheit, Gewalt und rassistische Hierarchien

Diese oben beschriebene vielfältige Herkunft der Gefangenen bedeutete keineswegs Gleichbehandlung der einzelnen Gefangenengruppen. Die Lebens- und Überlebenschancen der Gefangenen waren vielmehr entscheidend von ihrer nationalen und rassistischen Zuschreibung im nationalsozialistischen Weltbild abhängig.

Die massive Ungleichbehandlung entsprach der nationalsozialistischen Rassenideologie, die westliche Soldaten als „wertvoller“ betrachtete als „slawische“ oder „bolschewistische“ Gegner, die sie als „Untermenschen“ qualifizierte. Und so war die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen besonders brutal. Diese wurden in einem abgetrennten Lagerbereich untergebracht, litten unter extremer Überbelegung, Hunger, fehlender medizinischer Versorgung und systematischer Gewalt. Täglich starben Gefangene; viele wurden namenlos in Massengräbern verscharrt. Der Großteil der Todesopfer des Stalag VIII A waren sowjetische Soldaten.

Auch italienische Militärinternierte, die nach dem Sturz Mussolinis als „Verräter“ galten, waren vielfältiger Diskriminierung ausgesetzt. Ihnen und den sowjetischen Gefangenen blieb der Zugang zu kulturellen und religiösen Aktivitäten verwehrt. Die in der NS-Optik „minderwertigen“ Gefangenen wurden i.d.R. auch zu deutlich härteren Arbeitseinsätzen, etwa in Steinbrüchen oder in der Rüstungsindustrie, eingesetzt als die auf der NS-„Rassenskala“ höherstehenden westlichen Gefangenen.

Kultur im Lager

Trotz der extremen Bedingungen entwickelte sich – unter westlichen Gefangenen – ein bemerkenswertes kulturelles Leben im Lager, das durch die Bestimmungen der Genfer Konvention rechtlich ermöglicht wurde. Denn diese sahen u.a. das Recht auf religiöse und kulturelle Betätigung vor. Die Gefangenen organisierten Theateraufführungen und Konzerte, es gab französischsprachige Lagerzeitungen, Kurse und Sportveranstaltungen. Besonders bekannt ist der französische Komponist Olivier Messiaen (1908-1992), der im Stalag VIII A 1940/41 das berühmte „Quartett auf das Ende der Zeit“ vollendete und im Lager im Jahre 1941 uraufführte – ein einzigartiges Zeugnis kulturellen Schaffens unter Bedingungen der Gefangenschaft.

Gottesdienst in der Lagerkapelle, Nachlass des belgischen Gefangenen Lucien Hougardy, mit freundlicher Genehmigung.

Kontaktzonen und Ambivalenzen

Die Beziehungen zwischen Gefangenen und deutscher Umgebungsgesellschaft waren ambivalent. Offiziell streng reglementiert, ergaben sich im Alltag dennoch vielfältige Kontaktzonen – im Lager mit den Wachmannschaften, aber insbesondere auch durch die Zwangsarbeit, wo Gefangene mit deutschen Arbeiter:innen und Vorgesetzten in Kontakt kamen. Die Spannweite reichte von Misshandlungen und Demütigungen bis hin zu kollegialen oder sogar freundschaftlichen Beziehungen am Arbeitsplatz. Diese Ambivalenz verdeutlicht, dass der Lageralltag nicht eindimensional war, sondern von individuellen Handlungsspielräumen, Abhängigkeiten und moralischen Grauzonen geprägt wurde.

Evakuierung, Befreiung und Nachgeschichte

Anfang 1945 wurde das Lager aufgrund des Vormarsches der Roten Armee aus dem Osten unter chaotischen Bedingungen evakuiert. Zehntausende Gefangene mussten auf schlecht organisierten Gewaltmärschen Richtung Westen ziehen; viele überlebten diese „Todesmärsche“ nicht. Kranke und Marschunfähige blieben im Lager zurück. Sie wurden am 8. Mai 1945 von sowjetischen Truppen befreit.

Nach dem Krieg lag das Lagergelände infolge Neuziehung der europäischen Grenzen nun auf polnischem Staatsgebiet. Hier geriet es schnell in Vergessenheit: Die Baracken wurden abgetragen, um Material für den Wiederaufbau der von den Deutschen während des Krieges zerstörten Städte zu gewinnen, das Lagerareal überwucherte. Erst durch das Engagement einzelner – insbesondere des polnischen Historikers Roman Zgłobicki (1937-2010) und der deutschen Schriftstellerin Hannelore Lauerwald (1936-2022) – begann eine systematische Aufarbeitung. Ehemalige Gefangene, vor allem aus Frankreich und Belgien, hielten derweil die Erinnerung in Verbänden in ihren Heimatländern wach. Nach dem Systemumbruch 1989/90 entwickelt der Konzertpädagoge Albrecht Goetze (1942-2015) die Vision, auf dem ehemaligen Lagergelände einen europäischen Gedenk-, Kultur- und Begegnungsort zu erschaffen, und gründete im Jahre 2007 den Verein Meetingpoint Music Messiaen (2021 umbenannt in Meetingpoint Memory Messiaen).

Einweihung des Denkmals auf dem Gelände des ehemaligen Lagers. Nachlass Roman Zgłobicki.

Seit 2015 befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Gefangenenlagers das Europäische Zentrum Erinnerung, Bildung, Kultur, das in polnisch-deutscher Zusammenarbeit gemeinsam betrieben wird. Die Tätigkeiten beider Partnerorganisationen machen das Stalag VIII A heute als historischen Gewaltort, Erinnerungsraum und Ort internationaler Begegnung für die Bildungs- und Kulturarbeit in der Stadt und der polnisch-sächsischen Grenzregion sichtbar.

Tagebuch des französischen Kriegsgefangenen Robert Lher mit minutiös festgehaltenen einzelnen Stationen des Evakuierungsmarsches aus Görlitz. Privatbesitz Valérie Lher, mit freundlicher Genehmigung.

Heute

Das Stalag VIII A steht für die Extreme menschlichen Handelns: für Hunger, entgrenzte Gewalt, rassistische Ausgrenzung und Tod, jedoch auch für Fälle von zwischenmenschlicher Solidarität und hoher Kulturleistungen unter schwersten Bedingungen. Seine Geschichte mahnt, die NS-Gewaltherrschaft nicht auf abstrakte Zahlen zu reduzieren, sondern als konkrete lokale Realität zu begreifen. Die deutsch-polnische Forschungs-, Erinnerungs- und Kulturarbeit vor Ort versucht, diese Vielschichtigkeit auszuhalten, sichtbar zu machen und in das kulturelle Gedächtnis der Europastadt Görlitz-Zgorzelec zukunftsweisend einzuschreiben.

Informationen zur Geschichte des Stalag VIII A Görlitz nach Zgłobicki, Roman: Obozy i cmentarze wojenne w Zgorzelcu, Zielona Góra 1995; Lusek, Joanna; Goetze, Albrecht: Stalag VIII A Görlitz. Geschichte – Gegenwart – Zukunft, in: Łambinowicki Rocznik Muzealny 34 (2011), S. 1-30; Sudoł, Tomasz: Geschichte des Stalag VIII A (1939-1945), in: Stalag VIII und Europäisches Zentrum Erinnerung, Bildung, Kultur. Historisches Gedächtnis und zukunftsorientierte Aktivitäten, hg. von Kinga Hartmann, Zgorzelec 2017, S. 13-25. Zum Dulag s. Zubrzycki, Piotr: Dulag 1939, Zgorzelec 2009.